Link: Suche und Kontakt

[Beginn des Inhalts]

17.09.2009 Biblische Archäologie am Gazastreifen

Category: Pressemeldungen

Eindrücke von einer archäologischen Ausgrabung in Israel

Die weißen Hochhäuser von Gaza-Stadt bieten in der flimmernden Augustsonne einen friedlichen Anblick. Bei guter Sicht können wir sie von unserem Ausgrabungshügel am westlichen Horizont erkennen. Ein ferner dumpfer Knall, eine keilförmige weiße Wolke passt nicht zum Bild des Friedens. Anderthalb Stunden später quält sich ein Jeep durch die Kibbutz-Felder, die unsere Ausgrabung umgeben. Kommt ein archäologischer Kollege, der den Fortgang der Grabung besichtigen möchte? Nein, es ist der Sicherheitsbeauftragte der Ben Gurion University in Beersheva, der südlichsten Universitätsstadt Israels. Mit ihm steht die Grabungsleitung in ständigem Handy-Kontakt. Er informiert uns Grabungsleiter persönlich von internen bewaffneten Kämpfen im Gazastreifen zwischen einer radikalislamischen Gruppe „Kämpfer Gottes“ und der Hamas. Die „Kämpfer Gottes“ werfen der regierenden Hamas vor, „zu liberal“ zu sein und einen Gottesstaat in Gaza zu verhindern. Die Grabung braucht nicht unterbrochen zu werden, sagt der Sicherheitsbeamte. Unsere Studenten arbeiten weiter, vielen ist nichts aufgefallen, der Knall nicht und nicht der Besucher.

Gaza: Bedeutend und umkämpft

Umkämpft und bedeutend ist Gaza seit Jahrtausenden. Gegründet im 16. Jh. v. Chr., war Gaza bis ca. 1130 v. Chr. Brückenkopf ägyptischer Interessen gegenüber dem fruchtbaren Landstreifen zwischen Mittelmeerküste und syrisch-arabischer Wüste, in dem heute Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien liegen. Gaza war nicht nur politisch und militärisch wichtig. In seinem Hafen endete eine von Südarabien und dem Roten Meer nach Norden verlaufende wichtige Handelsroute, die „Weihrauchstraße“. Sie machte Gaza wirtschaftlich zur größten und mächtigsten Stadt im Süden der Levanteküste. Jerusalem war jahrhundertelang im Vergleich dazu fast ein Dorf. Politisch-militärische Bedeutung und Reichtum sind freilich zwiespältig: So war Gaza oft umkämpft, zerstört, immer wieder aufgebaut, durchlebte Höhen und Tiefen, bis heute.
Was treiben vier israelische und deutsche Professoren und 45 Studenten  auf einem Ruinenhügel ca. 10 km von der Grenze zwischen Israel und dem Gazastreifen? Bis 2003 hatte ich mit meinem israelischen Kollegen Prof. Gunnar Lehmann 5 km weiter südlich eine archäologische Grabung durchgeführt. Der biblische Name des Ortes ist noch unbekannt. Heute heißt der Ruinenhügel Tell el-Far´ah (Süd). Die Stadt existierte vom 17.Jh.v.Chr. bis in die Römerzeit. Ihre Lage machte sie zum Treffpunkt von Menschen und Waren aus Ägypten, von der Mittelmeerküste, aus dem judäischen Bergland und aus der Südwüste Negev. An Verkehrswegen gelegene Orte profitieren von friedlichen Verhältnissen. Wenn Streit oder Krieg herrscht, kann selbst eine große Stadt nur verlieren -  wie Gaza heute - statt blühen - wie Gaza durch lange Jahrhunderte. Sollten nicht, wo wir die Stadt Tell el-Far´ah ausgegraben haben, umgebende kleinere Siedlungen existieren? Wie sah die regionale Ortshierarchie aus? Gehörten die Bewohner zu einen bestimmten Volk? Wie war das Verhältnis von Städtern, Bauern und Nomaden der nahen Wüste?

So lebten die Philister

Um dies zu klären, begannen wir 2007 auf dem Hügel mit dem Namen Qubur al-Walayidah zu graben. Die oberste Schicht mit schmalen Mauerresten, Vorratsgruben, Keramik-Scherben, Getreide-Sicheln und hauswirtschaftlichen Installationen zeigte: Hier lebten im ausgehenden 12. bis 10.Jh. v.Chr. keine Judäer oder Israeliten, sondern Philister, die reichen, in den Bibeltexten mit Abneigung beschriebenen kriegstüchtigen Küstenbewohner (der „Riese Goliath“, wohl Erinnerung an einen Elite-Einzelkämpfer). Die aus der Ägäis eingewanderten Philister saßen also nicht nur, wie oft gedacht, in den großen Küstenstädten. Sie waren nicht nur Städter und Händler, sondern auch Bauern. Sie stießen offenbar bald nach der Einwanderung in das Hinterland der Küstenebene nach Osten vor. Gut vorstellbar, dass sie – wie in der Bibel berichtet – bald noch weiter nach Osten expandierten und auf judäische Bergbauern und Hirten trafen – oder mit ihnen zusammenstießen.

Ägyptischer Brückenkopf

Unter der Schicht des Philisterdorfes kam eine Überraschung zutage: Eine ägyptische Festung aus dem 15.-13.Jh. v. Chr. mit Mauern über 2 Meter dick. Fast ein Dutzend solcher Festungen sind in Südwestpalästina bekannt. Sie bezeugen, dass Ägypten mit fester Hand diese Region überwachte. Nun kommt in „unserer“ Grabung eine weitere Festung ans Licht und unterstreicht ägyptisches Interesse an der Region, die die Ägypter „Kanaan“ nannten. Auch heute hat Ägypten an diesem ihrem traditionellen Vorfeld nach Nordwesten deutliches Interesse. Solche strategischen Verhaltensmuster, wirtschaftliche Konstanten und geographische Fixpunkte sind interessant, lassen Analogien und Strukturen erkennen, die Jahrhunderte und Jahrtausende bestehen. Für den historischen Hintergrund der Bibel hat das hohe Bedeutung.

Pferde und Schwestern

Die beiden gesprächigen Beduinen-Jungen, die unsere Grabung Tag und Nacht bewachen, holen mich in die Gegenwart zurück. Seit Menschengedenken habe ihr Stamm der Walayidah diese Gegend bewohnt; das Land gehöre ihnen, sagen sie. Die Grabungsleitung hat bewusst mit ihrem Scheich gegen gute Bezahlung die Bewachung des Grabungsplatzes verabredet. Kein Beduine anderer Stämme würde es wagen, einen von diesem Stamm bewachten Platz zu betreten oder etwas zu entwenden. Die Jungen, israelische Staatsbürger, sprechen auch Englisch. Sie bieten mir ein Pferd zum Kauf an: 5000 Schekel, d.h. 900 Euro, ein Spottpreis. Warum ich nicht einwillige, verstehen sie nicht. Daß das Pferd nicht ins Flugzeug darf, verstehen sie, aber es könne mit dem Schiff fahren. Meine Ausrede: Ich wohne im 8. Stock eines Hochhauses, also wohin mit dem Pferd? Da verlassen sie das Thema. Dafür erzählen sie, daß eine der Archäologiestudentinnen sich mit ihnen unterhalten habe. „Wenn unsere Schwester mit zwei fremden Jungen spräche, würden wir sie kräftig verprügeln“ – sie meinen die Schwester, nicht die eventuellen gesprächigen Jungen. Meine deutsche Studentin ist überrascht, als ich sie über die gesellschaftlichen Regeln der Beduinen aufkläre. Was wir auf der Ausgrabung machen, finden die jungen Beduinen sehr seltsam. Erklärungen, was Archäologie bedeutet, finden kein Interesse. Aber der Ältere führt uns stolz in ein paar Galopp-Runden die Qualitäten seines Pferdes vor.

Abenteuer Wissenschaft

Der Kontrast der jungen Beduinen zu den israelischen Archäologiestudierenden ist groß. Sie erzählen weniger von Pferden, lieber von monatelangen Weltreisen, die junge Israelis nach dem 3jährigen Militärdienst gern unternehmen. Politische Themen sind unbeliebt und erregen Langeweile – oder heftige Auseinandersetzungen. Am Abend in der Bierbar CoCa in der Nähe des Universitäts-Campus in Beersheva geht es zwischen Fußball-Kanal auf Großleinwand, lauter Musik und Stimmengewirr zu wie in deutschen Studentenkneipen. Daß am nächsten Morgen um 4.30 Uhr Wecker klingeln, weil um 5 Uhr der Bus die Grabungsmannschaft zum Grabungsort fährt, verdirbt keinem die Laune. Biblische Archäologie, so meine Rostocker Studenten, sei Wissenschaft, aber – für sie – vor allem auch Abenteuer. 2010 geht beides weiter.
                                
Hermann Michael Niemann

Kontakt:
Prof. Dr. Hermann Michael Niemann
Universität Rostock
Theologische Fakultät
Lehrstuhl für Altes Testament und Biblische Archäologie
Tel.: +49-(0)381-498 8410/-00
E-Mail: hmn(at)uni-rostock.de

http://www.theologie.uni-rostock.de/index.php?id=niemann

Subscribe to RSS feed: Overview on all offered RSS feeds

[Ende des Inhalts]

Zusatzinformationen

Nach oben