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12.12.2012 Freispruch für Johannes Kepler

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Rostocker Forscher weist nach: Tycho Brahe starb eines natürlichen Todes

Tycho Brahe (Archiv Universität Rostock)

Prof. Dr. Ludwig Jonas (Foto: Universität Rostock/K. Nölting)

Tycho Brahe  (1546-1601) war einer der berühmtesten Astronomen der Renaissance. 1566 war er als Student an der Universität Rostock eingeschrieben. In Rostock verlor er auch  während eines Duells, das mit Degen ausgefochten wurde, seine Nase, die durch eine kupferne Nasenprothese ersetzt wurde. Sein Leben ist gut erforscht, nur über seinen mysteriösen Tod 1601 in Prag wissen wir nichts Genaueres. Es sind zwar die Symptome seiner Krankheit und die Todesumstände genau beschrieben, doch ließ sich daraus bisher keine eindeutige Todesursache ableiten oder rekonstruieren. So kam es zu Spekulationen über einen Giftmord. Selbst Johannes Kepler wurde verdächtigt, seinen Lehrer wegen dessen wertvoller Sternenprotokolle, die dieser vor Kepler unter Verschluss hielt, mit Quecksilber vergiftet zu haben, um so an die Aufzeichnungen zu kommen, was  in dem Buch der Wissenschaftsjournalisten Joshua und Anne-Lee Gilder „Heavenly Intrigue“ von 2004 reißerisch dargestellt wird. Jetzt ist wissenschaftlich erwiesen: „Es war kein Giftmord“, sagt Prof. Dr. Ludwig Jonas, der 40 Jahre als Biologe an der Universität Rostock forschte.

Mit einem einzigartigen Rasterelektronenmikroskop der Firma  Carl-Zeiss Oberkochen und einer hochempfindlichen Analyseneinrichtung in Kombination zum Rasterelektronenmikroskop (Gemini + energiedispersive Röntgenmikroanalyse EDX)  gelang der Nachweis von Quecksilber in den Haaren von Tycho Brahe. Mit einem neu entwickelten System konnten Haarquerschnitte mit einem sogenannten Backskatterdetektor (BSE mode) ohne Vorbehandlung und dadurch ohne chemische Fremdeinwirkungen oder Verunreinigungen dargestellt werden. Dadurch war sichergestellt, dass das nachgewiesene Quecksilber nicht durch Vorbehandlungen in die Proben gelangt war. Kleine Kügelchen von Schwermetall in den zwei äußeren Haarschuppen konnten eindeutig nachgewiesen werden. Nur dort, wo diese kleinen Kügelchen zu sehen waren, gelang der Nachweis von Quecksilber. Im Haarschaft und in den Haarwurzeln fehlten solche elektronendichten Kügelchen und somit auch ein positiver Quecksilbernachweis. „Wir schließen daraus, dass die Quecksilberablagerungen von außen in die Haare gelangt sind und nicht durch einen Gifttrunk über das Blut in die Haarwurzeln. Weil die elektronendichten Kügelchen über die ganze Haarlänge in den Haarschuppen zu sehen waren, muss es sich über eine langzeitige und allgemeine Quecksilbereinwirkung gehandelt haben und nicht um ein Akutereignis, wie bei einem Giftmord durch Giftcocktail“, stellt Jonas fest.

„Wir hatten das große Glück, Barthaare von Tycho Brahe von der ersten Exhumierung 1901 untersuchen zu können“, verrät Professor Jonas. Die Gruft von Tycho Brahe unter dem Fußboden der Teyn Kirche in Prag war nach 300 Jahren 1901 zum ersten Mal geöffnet worden. Man fand damals zwei gut erhaltene Skelette, ein männliches und ein weibliches. Das weibliche stammte von Brahes Frau, die 1604, also drei Jahre nach Tycho gestorben ist und mit einer Perlenkette bestattet wurde. Tycho Brahes Skelett war gut an dem fehlenden Nasenbein des Schädels zu identifizieren. Neben dem Skelett waren noch verschiedene Reste der Kleidung, das Leichentuch und sogar die Haare seines Bartes, der Augenbrauen und des Kopfhaares erhalten. Der Bart und einige Textilreste wurden bis 1989 im Tschechischen Nationalmuseum in Prag aufbewahrt. Der damalige Direktor des Nationalmuseums Martin Solc hat den in einem Glaskästchen befindlichen Bart dem dänischen Botschafter in einem Festakt übergeben, so dass sich diese quasi Reliquie nun in der Sternwarte von Aarhus befindet. „Wir haben vom Institut für Planetologie der Universität Münster und vom Institut für forensische Medizin der Universität Rostock 10 Barthaare in einem sterilen Glasröhrchen bekommen und daran elektronenmikroskopische und element-analytische Untersuchungen vorgenommen“, so Jonas.

Tycho Brahe war Zeit seines Lebens, aber besonders in seiner Zeit in Prag ein Alchemist und hatte Quecksilberpräparate gegen Syphilis und andere Hauterkrankungen hergestellt und chemische Verfahren zur Entgiftung von Quecksilber beschrieben. Es ist zu vermuten, dass er bei diesen Arbeiten mit Quecksilber und seinen Verbindungen hohen Konzentrationen von Quecksilberdämpfen ausgesetzt war und sich diese von außen auf seinen Haaren niederschlugen. „Dabei  hat sich das Quecksilber chemisch mit dem Keratin der Haare so fest verbunden, möglicherweise in Form von Quecksilbersulfit, dass es die 411 Jahre bis zu unserer Untersuchung darin erhalten geblieben ist“, resümiert Professor Jonas. Die erstaunlich gute Erhaltung der Haare könnte auf ihre Fäulnisresistenz auf Grund der Quecksilbereinlagerung zurückzuführen sein.  Die Ultrastrukturerhaltung der Haare war so gut, dass sogar noch die Membranen der Haarschuppen und die Pigmentgranula in den Haarachsen, wie bei rezenten Haaren, nachgewiesen werden konnten.  Die Pigmente waren typisch für Rothaarige, wie es auch von Tycho Brahe bekannt ist, der auf historischen Ölgemälden mit rotem Bart und rotem Haarkranz zu sehen ist.

Jonas: „Unsere Untersuchungen stehen ganz klar im Widerspruch zu einem Giftmord durch ein quecksilberhaltiges Getränk. Wir können damit den vermeintlichen Meuchelmord durch Johannes Kepler in das Reich der Mythen verweisen und sprechen Kepler von diesem ungeheuren Vorwurf frei“. 

Tycho Brahe entstammte dem dänischen Hochadel und begann schon als Kind mit der Beobachtung der Sterne. Seine über fast 40 Jahre reichenden Sternenbeobachtungen und genaueste Vermessungen mit Hilfe von selbst gebauten Winkelmessern lieferten seinem späteren Schüler Johannes Kepler die Grundlage für die drei berühmten Kepplerschen Gesetze, die dieser nur auf Grund der genauen Protokolle Tycho Brahes aufstellen konnte. Tycho Brahe war 1566 Student der 1419 gegründeten Alma Mater Rostochiensis. Hier verlor er auch im Duell mit seinem Vetter seine Nase und trug danach eine Nasenprothese aus Kupfer, wie sie auf verschiedenen Ölbildern dieser Zeit zu sehen ist. Neben seinen zeitgenössischen Darstellungen sind seine umfangreiche Korrespondenz  und wissenschaftlichen Abhandlungen erhalten geblieben, so dass wir über sein Leben sehr gut Bescheid wissen.
 

Die Studie wurde in englischer Sprache veröffentlicht unter:
Ultrastructural Pathology, 2012; Early online: 1–8
© 2012 Informa Healthcare USA, Inc.
ISSN: 0191-3123 print/1521-0758 online
DOI: 10.3109/01913123.2012.685686
 

Kontakt:
Universitätsmedizin Rostock
Institut für Pathologie
Elektronenmikroskopisches Zentrum (EMZ)
Prof. Dr. Ludwig Jonas i.R.
Fon: +49 (0)381 494 5850
Mail: ludwig.jonas(at)gmx.de

Presse+Kommunikation
Dr. Ulrich Vetter
Fon: +49 (0)381 498 1013
Mail: ulrich.vetter(at)uni-rostock.de
Web: www.uni-rostock.de

 

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