Pilotstudie: Fledermäuse in Deutschland fressen auch Fische

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Eine Wasserfledermaus hat auf einem künstlichen Gewässer im Labor einen Fisch (Moderlieschen) aus dem Wasser ergriffen und zum Verzehr ins Maul genommen (Copyright: Dietmar Nill).
Biologe Dr. Robert Sommer. (Copyright: privat).

„Bislang dachte man, dass die Beute der Fledermäuse in Deutschland ausschließlich aus Insekten und Spinnen besteht“, sagt Robert Sommer. Er beobachtete von 2008 bis 2014 an Gewässern jagende Fledermäuse, um ihnen auf die Schliche zu kommen. Er erforschte ihre Nahrungsbiologie, das Jagdverhalten und die Konkurrenz zwischen den einzelnen Arten. Im Fokus standen dabei die Teich-und Wasserfledermaus. Robert Sommer „erwischte“ sie nun dabei, dass in ihrer Ernährung offensichtlich auch Fisch eine Rolle spielt. „Die beiden Arten fangen einen Teil ihrer Beute mit einer hochspezialisierten Jagdtechnik direkt auf der Wasseroberfläche“, sagt Sommer. Sein 2012 verstorbener Kollege Dr. Björn Siemers (damals Max-Planck-Institut für Ornithologie, Seewiesen) hatte allerdings bereits 2001 in seinem Labor Wasserfledermäuse dabei beobachtet, wie sie Fische auf der Wasseroberfläche im Flug ergreifen und fressen. 

„Erstaunlicherweise zeigte sich bei diesen Experimenten, dass die kleinen Fische von den Fledermäusen so gut verdaut werden können, dass in ihren Exkrementen kaum Knochenreste oder Schuppen der gefressenen Fische zu finden waren“, blickt Robert Sommer zurück. Dieses Phänomen ließ ihm keine Ruhe. Seine Arbeitsgruppe untersuchte unter anderem Hunderte Kotproben von Wasser-und Teichfledermäusen. „Wir fanden zwar unzählige Beutebruchstücke von Insekten oder Spinnen, aber ohne einen Hinweis auf Fisch in der Nahrung“, konstatiert der Wissenschaftler.

Deshalb fuhr er 2011 zu seinem Kollegen Professor Michael Hofreiter (heute Universität Potsdam) an die Universität York in England, um mit Hilfe der Molekularbiologie eine Antwort zu bekommen. Die Idee: Wenn Schuppen- oder Knochenreste der Fische in den Kotproben der Fledermäuse nicht mehr nachweisbar sind, könnten dort möglicherweise aber noch winzige Schnipsel des Erbmaterials (DNA) der Fische nachweisbar sein – eine komplizierte Forschung, um DNA der Mitochondrien, also den Kraftwerken der Zellen der Fische, nachzuweisen. „Das ist vergleichbar mit der Spurenanalytik der Kriminalpolizei“, verweist Robert Sommer auf notwendige und aufwendige Labor-Untersuchungen. Der Biologe nahm gleichzeitig Exkremente der eng mit der Wasser- und Teichfledermaus verwandten Langfußfledermaus aus Bulgarien ins Visier. Von der sei schon seit längerer Zeit bekannt, dass sie mit ihren relativ großen Füßen Fische auf der Wasseroberfläche ergreift und frisst.

Das Labor-Ergebnis lieferte nun erste Hinweise für die Annahme, dass Fisch auch eine Rolle in der Nahrung der Teich- und Wasserfledermäuse spielt. Sowohl bei Teichfledermäusen aus Norddeutschland und bei Langfußfledermäusen und einer Wasserfledermaus aus Bulgarien wurde mit ein und derselben molekularbiologischen Methode Fisch-DNA im Kot der Tiere gefunden.

Wenn die DNA-Sequenzen der Fische aus dem Kot der Fledermäuse in Deutschland mit bekannten genetischen Mustern von Fischarten aus Nordeuropa übereinstimmen und die Fisch-DNA aus dem Kot der fischfressenden Fledermäuse aus Bulgarien mit Populationen südosteuropäischer Fischarten aus dieser Region deckungsgleich sind, wäre das ein Hinweis dafür, dass die Fledermäuse die Fische tatsächlich an den Orten aufgenommen haben, wo sie den Forschern ins Netz gingen. „Auch das konnte durch unseren Co-Autor Matthias Geiger aus Bonn gezeigt werden“, sagt Robert Sommer. Daneben stimmten z. B. die DNA der im Kot der Teichfledermaus in Deutschland gefundenen Fischarten wie Elritze oder Bachschmerle auch mit dem Jagdgebiet der Teichfledermäuse grundsätzlich überein, die häufig an schnellfließenden Abschnitten größerer Flüsse mit steinigem Untergrund und erhöhtem Sauerstoffgehalt gefangen wird.

Für den Biologen Robert Sommer bleiben aber noch viele grundlegende Fragen zu diesem Thema offen. Er hofft, andere Forscher dazu zu bewegen, mit einer technisch verbesserten Methodik an diesem Thema weiterzuarbeiten. Denn, wenn Fledermäuse in Nordeuropa auch Fische fressen, hat das weitreichende Konsequenzen für die Nahrungsbeziehungen in halbaquatischen Ökosystemen. Text: Wolfgang Thiel

Originalpublikation: Sommer, R. S., Hofreiter, M., Krüger, F., Siemers, B. M., Paijmans, J. L. A., Li, C. & Geiger, M. F. (2019): Preliminary results on the molecular study of fish-eating by ‘trawling Myotis’ bat species in Europe. Vertebrate Zoology 69: 83-92.

 

Kontakt:
PD Dr. Robert Sommer
Universität Rostock
Institut für Biowissenschaften
Allgemeine & Spezielle Zoologie
https://www.zoologie.uni-rostock.de/team/mitarbeitende/pd-dr-robert-s-sommer/
robert.sommeruni-rostockde
https://www.zoologie.uni-rostock.de


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