Warum der Wal keine Kiemen hat

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Philosophen und Naturwissenschaftler der Universität Rostock im Gespräch (v.l.): die Philosophen Privatdozent Dr. Ludger Jansen und Petter Sandstad sowie Professor Georg Fuellen von der Universitätsmedizin Rostock (Copyright: Universität Rostock/ITMZ).

Das Suchen nach Ursachen prägt viele Bereiche unseres Lebens, insbesondere die Wissenschaft. Philosophen der Universität Rostock untersuchen in dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekt „Formal Causation“ eine Art der Ursache, die bisher im Wert für die wissenschaftliche Erklärung unterschätzt wurde.

Als sich Privatdozent Dr. Ludger Jansen vom Institut für Philosophie an der Universität Rostock und Petter Sandstad vor sechs Jahren auf einem Philosophie-Konferenz in Durham (GB) kennenlernen, wussten beide noch nicht, dass daraus Jahre später ein gemeinsames Forschungsprojekt an der Universität Rostock entstehen würde. Für seine Promotion wechselte der Norweger Sandstad dann von der Universität Oslo (Norwegen) an die Rostocker Alma Mater, die in diesem Jahr ihren 600. Geburtstag feiert.

Seit März 2018 forscht Sandstad in dem durch seinen Doktorvater Jansen erfolgreich eingeworbenen DFG-Projekt mit 24-monatiger Laufzeit. Erste Ergebnisse hat er bereits jetzt. So reist der junge Wissenschaftler von einer internationalen Tagung zur nächsten, um sein Projekt vorzustellen und zu diskutieren. Nach Oxford und Italien stehen demnächst Köln und Warschau auf dem Plan. Denn sein Thema „Verursachung“ ist für Wissenschaft und Alltag zentral.

Worum es geht, macht Sandstad an einem alltäglichen Beispiel klar: „Wenn eine Fensterscheibe zerbricht, dann können wir das dadurch erklären, dass wir eine Wirkursache angeben, etwa dass ein Stein hineingeworfen wurde. Das ist aber nicht die einzige Art der Erklärung. Wir verweisen oft auch auf bestimmte Eigenschaften oder die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Art, auf sogenannte formale Ursachen, etwa darauf, dass die Fensterscheibe aus Glas war und zerbrechlich war.“ Diese Art der Erklärung, genannt „formale Verursachung“, hat in der Wissenschaftsphilosophie aber bisher eher ein Schattendasein geführt. Man dachte sogar, dass der Fortschritt der Wissenschaft gerade durch die Rede von formaler Verursachung behindert würde.

„Überraschend ist für uns die Erkenntnis, dass ohne die formale Verursachung viele Phänomene in der Wissenschaft gar nicht erklärt werden könnten, etwa in der modernen Biologie oder der Mikrophysik der Elementarteilchen“, so Sandstad. „Wird beispielsweise danach gefragt, warum ein Wal mit Lungen anstatt mit Kiemen atmet, wird man antworten, dass der Wal ein Säugetier ist und kein Fisch.“ Damit greife man in der Erklärung auf den Kontrast zwischen den biologischen Klassen „Fisch“ und „Säugetier“ zurück. Für Fische ist es typisch, mit Kiemen zu atmen, für Säugetiere gerade nicht. Hier werde etwas durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Art, durch eine bestimmte Form, erklärt, und nicht durch ein bestimmtes Ereignis. Mit ihrem Projekt greifen die Rostocker Philosophen auf eine alte Idee zurück: „Vor über 2.400 Jahren hat der Philosoph Aristoteles der Formursache eine wesentliche Rolle zugebilligt. Seine Untersuchungen können uns heute helfen, die moderne Wissenschaft und ihre Erklärungen besser zu verstehen“, erläutert Sandstad, der aus diesem Grund auch die bisher weniger umfangreich rezipierten biologischen Schriften des Aristoteles erforschen will. Diese zeichneten sich durch zahlreiche akribische Beschreibungen von Beobachtungen der Lebewesen aus, die zum Teil erst heute wieder nachvollzogen werden können.

In regelmäßigen interdisziplinären Fachgesprächen diskutieren beide Philosophen in Rostock unter anderem mit dem Bioinformatiker Professor Georg Fuellen über die Übertragbarkeit der antiken Erkenntnisse auf die heutige Wissenschaft. Denn im Austausch mit anderen Fächern, so die Überzeugung der Wissenschaftler, können philosophische Analysen zur Lösung aktueller naturwissenschaftlicher Probleme beitragen.

Kontakt:
PD Dr. Ludger Jansen
Institut für Philosophie
Universität Rostock
Tel.: +49 381 498-2818
ludger.jansenuni-rostockde
https://www.iph.uni-rostock.de/forschung/formale-verursachung/


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