Befragung an der Uni Rostock

Im Herbst 2025 befragten wir, Dr.in Heidrun Jander (Gleichstellungsbeauftragten der Universität Rostock), und Dr.in Uta Ziegler (Mitarbeiterin der Gleichstellungsbeauftragten) über einen Zeitraum von fünf Wochen auf der Grundlage eines (teil-)standardisierten Online-Fragebogens alle Studierenden, Promovierenden, Mitarbeitenden und Professor*innen der Universität, ob Sie im Hochschulkontext der Universität Rostock schon einmal persönlich von Fehlverhalten in Form von sexualisierter Belästigung oder Gewalt, machtmissbräuchlichem oder mobbendem Verhalten betroffen waren. 

Ziele und Rücklauf der Befragung

Mit der Befragung strebten wir die folgenden Ziele an:

  • Erstmalige empirische Erfassung der Häufigkeit des Vorkommens verschiedener Ausprägungen von persönlich erlebtem Fehlverhalten im Kontext der Universität Rostock in Bezug auf sexualisierte Belästigung und/oder Gewalt sowie machtmissbrauchendes und/oder mobbendes Verhalten
  • Identifikation von Anhaltspunkten für Maßnahmen zur Sensibilisierung und Prävention sowie für den Schutz von betroffenen Personen
  • Empowerment betroffener Personen, u.a. bei der Bewertung persönlich erlebter Situationen von Fehlverhalten und durch die Information über interne Beratungsstellen am Ende des Fragebogens
  • Universitätsweite Sensibilisierung und zur Auseinandersetzung mit den Befragungsthemen
  • Signal senden nach innen und nach außen, dass eine Auseinandersetzung mit den Themen an der UR erfolgt

1.625 Personen beteiligten sich an der Befragung, darunter über 900 Studierende, was einer Rücklaufquote von 10% entspricht. Bei der Gruppe der Promovierenden, Mitarbeitenden und Professor*innen nahmen mit deutlich über 600 Personen 32% der Befragten teil. Im Vergleich zur Grundgesamtheit beantworten Frauen und Personen mit der Geschlechtsangabe „divers“ den Fragebogen deutlich häufiger als Männer.

Befragungen insbesondere mit sensiblen Inhalten können zu Verzerrungen in der Stichprobe und damit zu Problemen bei der Repräsentativität der Daten für die Grundgesamtheit führen. Für eine kurze Diskussion von potenziellen Verzerrungseffekten: siehe Anhang 1.

Wesentliche Ergebnisse

1.015 Personen berichten von mindestens einem Vorfall von sexualisierter Belästigung/Gewalt und/oder machtmissbrauchendem/mobbendem Verhalten.

Frauen und diverse Personen berichten häufiger, persönlich von Fehlverhalten betroffen zu sein, als Männer.

Die Auswirkungen im Alltag sind für betroffene Frauen und Männer vergleichbar belastend, für diverse Personen deutlich belastender.

267 Personen geben an, manchmal oder sehr oft aufgrund des Erlebten zu überlegen, das Studium/die Promotion/die Habilitation abzubrechen oder das Arbeitsverhältnis zu beenden. Wenn männliche Personen sich von Fehlverhalten betroffen fühlen, denken sie in vergleichbarem Umfang wie Frauen darüber nach, abzubrechen oder das Arbeitsverhältnis zu beenden. Betroffene diverse Personen überlegen häufiger, diesen Schritt zu gehen.

Ergebnisse für Teil 1: Sexualisierte Belästigung und Gewalt

Der Bereich der sexualisierten Belästigung und Gewalt wurde anhand von 13 verschiedenen Sachverhalten abgefragt (siehe Anhang 2).

511 Personen berichten von mindestens einem Vorfall von sexualisierter Belästigung oder Gewalt, wobei jeder der 13 Sachverhalte benannt wurde. Am häufigsten geben die Teilnehmenden an, von geschlechtsspezifischen Vorurteilen oder sexualisierten herabwürdigenden Kommentaren oder Fragen konfrontiert worden zu sein, gefolgt von grenzüberschreitenden Witzen oder Späßen und sexualisierten Gesten oder Catcalling (jeweils Rückmeldungen im dreistelligen Bereich). Die Rückmeldungen, in denen Personen gegen ihren Willen umarmt, körperlich bedrängt, geküsst oder anderweitig berührt wurden oder sie Angebote zu privaten Treffen erhielten, die sie als übergriffig oder grenzüberschreitend empfanden, weil sie eine sexualisierte Absicht dahinter vermuteten, liegen im hohen zweistelligen Bereich. 

Frauen sind und bei vielen Sachverhalten auch diverse Personen fühlen sich deutlich häufiger von sexualisierter Belästigung oder Gewalt betroffen als Männer. 

Die überwiegende Anzahl der betroffenen Personen berichten von einem persönlich erlebten Vorfall, über 40 Personen berichten von vier oder mehr Vorfällen. 

Gefragt nach der Position der fehlhandelnden Personen ihnen gegenüber geben Studierende am häufigsten ‚Lehrperson‘, gefolgt von ‚Kommiliton:in‘ an; Mitarbeitende geben am häufigsten ‚Kolleg*in‘, gefolgt von ‚Vorgesetzte:r‘ an.

Das Geschlecht der fehlhandelnden Person ist mit ca. 75% bis 100% (je nach Sachverhalt) überwiegend männlich. 

Ca. 40% der Sachverhalte ereigneten sich in den letzten 12 Monaten, über 60% in den vergangenen zwei Jahren.

Das erlebte Fehlverhalten führt bei vielen Betroffenen zu starken bis sehr starken Belastungen, insbesondere in Bezug auf ihr alltägliches Verhalten im Studium und Beruf, ihr Selbstwertgefühl, ihre sozialen Beziehungen innerhalb des Studien- und Arbeitskontextes, aber auch auf ihr Gefühl für Sicherheit im Studien- und Arbeitsalltag. Ver auch das Leben insgesamt, die Gesundheit und die Leistungen im Studium und im Beruf sind belastet.

Ergebnisse für Teil 2: Machtmissbrauchendes/mobbendes Verhalten

Der Bereich machtmissbrauchendes und mobbendes Verhalten wurde anhand von 51 Sachverhalten für Mitarbeitende und 30 Sachverhalten für Studierende abgefragt. Die Sachverhalte wiederum wurden in sieben Kategorien gebündelt (siehe Anhang 2).

934 Personen berichten von mindestens einem Vorfall von machtmissbrauchendem oder mobbendem Verhalten. Am häufigsten werden Sachverhalte der personenbezogenen Abwertung und der unangemessenen Kommunikation benannt. Es folgen Sachverhalte unangemessener Leistungsbewertung und von bedrohlichem Verhalten. Über ein Drittel der teilnehmenden Mitarbeitenden gibt darüber hinaus an, unangemessene Arbeitsbedingungen und karrierehinderliches Verhalten erlebt zu haben. 

Frauen und diverse Personen sind etwas häufiger betroffen als Männer. 

Die betroffenen Studierenden berichten am häufigsten von 2 bis 3 Sachverhalten, gefolgt von 4 bis 6 Sachverhalten. Betroffene Mitarbeitende geben am häufigsten 11 und mehr Sachverhalte an, die sie erlebten.

Gefragt nach der Position der fehlhandelnden Personen ihnen gegenüber geben Studierende am häufigsten ‚Lehrperson‘, gefolgt von ‚Prüfer:in‘ und ‚Kommiliton:in‘ an; Mitarbeitende geben am häufigsten ‚Vorgesetzte:r‘ und ‚Kolleg*in‘ an. Etwas weniger häufig wird sowohl von Studierenden als auch von Mitarbeitenden die bzw. der ‚Betreuer:in‘ genannt.

Das Geschlecht der fehlhandelnden Person ist mit ca. 60% männlich und 40% weiblich. 

Über 50% der Vorfälle ereigneten sich in den letzten 12 Monaten, über 70% in den vergangenen zwei Jahren.

Mit Ausnahme von Sachverhalten, die Verstöße gegen die Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis bedeuten könnten, fanden 20-30% der Vorfälle mehrmals wöchentlich oder mehrmals monatlich statt, was ein Hinweis auf potenzielles Mobbing ist.

Das erlebte Fehlverhalten führt bei rund einem Viertel der betroffenen Studierenden und Mitarbeitenden zu starken bis sehr starken Belastungen, insbesondere in Bezug auf ihr alltägliches Verhalten im Studium und Beruf und ihr Selbstwertgefühl. Mitarbeitende berichten darüber hinaus häufiger als Studierende von starken bis sehr starken Belastungen in Bezug auf ihre sozialen Beziehungen innerhalb des Hochschulkontextes, ihre Gesundheit und ihre Leistungen.

Was ist zu tun?

Die Universität setzt sich gemäß ihrem Leitbild in § 3 Grundordnung für Toleranz, Chancengleichheit und Familienfreundlichkeit ein und bekennt sich zu ihren universitären Führungsleitlinien. Sie versteht sich als ein diskriminierungsfreier, sicherer und gewaltfreier Studien-, Lehr-, Forschungs- und Arbeitsort, an dem alle Personen einen fairen, wertschätzenden und respektvollen Umgang miteinander pflegen. Vorfälle von sexualisierter Belästigung/Gewalt und/oder machtmissbrauchendem/mobbendem Verhalten sind mit dem Selbstverständnis der Universität nicht vereinbar.

Mit Blick auf die Ergebnisse der Befragung weise ich als Gleichstellungsbeauftragte auf die folgenden Punkte hin, die es gilt, in den kommenden Wochen und Monaten gemeinsam an der Universität umzusetzen:

  • Aufbau eines umfassenden Schutzkonzepts zur Prävention von und Intervention bei (sexualisierter) Diskriminierung, Belästigung und Gewalt, Machtmissbrauch und Mobbing
  • Förderung einer Kultur des Hinsehens, des Benennens und – sofern erforderlich – der konsequenten Sanktionierung von Fehlverhalten

Wichtige zu erledigende Aufgaben im Zusammenhang mit dem Aufbau des Präventions- und Schutzkonzeptes sind u.a.

  • Evaluation der Dienstvereinbarung für den Umgang mit diskriminierendem Verhalten, Mobbing und Konflikten am Arbeitsplatz
  • Erarbeitung und Verabschiedung einer Richtlinie oder Satzung zum Umgang mit Diskriminierung, sexualisierter Belästigung und Gewalt, machtmissbräuchlichem und mobbendem Verhalten (Einbeziehung aller Statusgruppen und Gäste der Universität)
  • Regelmäßige Durchführung von Maßnahmen zur Sensibilisierung und Information zu den Themen der Befragung, ggf. die Einführung von verpflichtenden Schulungen
  • Erarbeitung eines Awareness-Konzeptes für Veranstaltungen an der Universität
  • Bessere Sichtbarkeit von Anlauf- und Beratungsstellen für Rat suchende Personen

Gemeinsam tragen wir – und damit alle Mitglieder der Universität – die Verantwortung dafür, dass sexualisierte Belästigung und Gewalt, machtmissbrauchendes und mobbendes Verhalten an der Universität Rostock keinen Platz haben. Durch unser tägliches wertschätzendes Handeln machen wir unsere Universität zu einem sicheren Ort für Studium, Lehre, Forschung und Arbeit.

Anhang 1:

Anhang 2:

Kontakt:
Dr. Heidrun Jander
Gleichstellungsbeauftragte der Universität Rostock
Tel.: +49 381 498-5743
gleichstellungsbeauftragte(at)uni-rostock.de