Demenz: Prävention wirkt – doch die alternde Gesellschaft stellt Deutschland vor neue Herausforderungen

Demenz ist keine unvermeidliche Folge des Alterns. Das zeigen neue Forschungsergebnisse der Universität Rostock und des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE). Professorin Dr. Gabriele Doblhammer vom Institut für Soziologie und Demographie von der Universität Rostock, die an allen Studien mitgewirkt hat, hebt jedoch hervor: „Die Studien liefern gleich mehrere gute Nachrichten. Im gleichen Alter ist heute das Risiko an einer Demenz neu zu erkranken niedriger als noch vor einigen Jahren. Bewegung kann auch im hohen Alter die Lebenserwartung erhöhen – selbst wenn die geistige Leistungsfähigkeit bereits nachlässt. Gleichzeitig steigt die Zahl der Menschen mit Demenz weiter, weil die Bevölkerung immer älter wird.“

Die wichtigste Botschaft: Prävention wirkt – aber sie ist kein Grund zur Entwarnung.

Geringeres Erkrankungsrisiko – aber immer mehr Betroffene
Eine Analyse von AOK-Daten zeigt: Die alterskorrigierte Rate neuer Demenzerkrankungen ist innerhalb von zehn Jahren bei Männern um 7,3 Prozent, bei Frauen sogar um 9,7 Prozent gesunken. Das ist ein Erfolg. Wahrscheinliche Gründe sind unter anderem ein höheres Bildungsniveau, eine bessere Herz-Kreislauf-Gesundheit und Fortschritte in der medizinischen Versorgung.
Doch die Entlastung bleibt begrenzt: Die Zahl der Lebensjahre, die Menschen mit Demenz verbringen, hat sich kaum verändert. Die Erkrankung tritt später auf – die Menschen leben aber insgesamt länger und auch länger ohne Demenzen. In einer alternden Gesellschaft bedeutet das: Die Zahl der Menschen mit Demenz wird weiter steigen. Die Forschenden sprechen deshalb von einem „Präventionserfolg ohne Entwarnung“.

Bewegung wirkt – auch wenn die geistige Leistungsfähigkeit nachlässt
Eine zweite Studie mit älteren Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Nationalen Kohorte (NAKO) macht Mut: Regelmäßige körperliche Aktivität senkt das Sterberisiko im Alter um nahezu 30 Prozent. Auch eine gute kognitive Leistungsfähigkeit war mit einer höheren Lebenserwartung verbunden. Besonders wichtig ist jedoch ein anderer Befund: Bewegung konnte einen Teil des erhöhten Sterberisikos ausgleichen, das mit eingeschränkter geistiger Leistungsfähigkeit einhergeht.
Die Botschaft ist deshalb einfach: Es ist nie zu spät, aktiv zu werden. Auch im höheren Alter kann Bewegung dazu beitragen, länger und gesünder zu leben – und die Folgen kognitiver Einschränkungen abzumildern.

Demenz im Krankenhaus: Nicht zu viel – und nicht zu wenig
Die dritte Studie nimmt die medizinische Versorgung hochaltriger Menschen mit Demenz in den Blick. Auf Basis von AOK-Daten untersuchten die Forschenden Krankenhausaufenthalte von Menschen zwischen 85 und 95 Jahren. Menschen mit Demenz wurden insgesamt häufiger ins Krankenhaus aufgenommen als Gleichaltrige ohne Demenz. Gleichzeitig zeigen sich deutliche Unterschiede – etwa nach Geschlecht, Pflegebedürftigkeit und Lebenssituation.
Das macht deutlich, wie schwierig die richtige Balance ist: Zu viele Krankenhausaufenthalte können für Menschen mit Demenz belastend sein und ihre kognitive und körperliche Situation weiter verschlechtern. Zu wenige können dagegen bedeuten, dass notwendige medizinische Leistungen nicht erreicht werden.
Besonders bei hochaltrigen Frauen mit Demenz fanden die Forschenden am Lebensende Hinweise auf weniger Krankenhausaufenthalte als bei vergleichbaren Frauen ohne Demenz. Dies könnte auf eine Unterversorgung oder einen eingeschränkten Zugang zu bestimmten medizinischen Leistungen hindeuten.

Die Konsequenz: Menschen mit Demenz brauchen keine Standardlösung, sondern eine Versorgung, die zu ihrer individuellen Situation passt.

Prävention stärken, Versorgung neu denken
Die drei Studien zeichnen damit ein differenziertes Bild: Deutschland macht Fortschritte bei der Demenzprävention. Menschen erkranken im gleichen Alter seltener neu, Bewegung bleibt auch im hohen Alter ein wirksamer Schutzfaktor. Doch die demografische Entwicklung macht gleichzeitig deutlich, dass Demenz eine der großen gesundheitspolitischen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte bleiben wird.
Prävention kann Demenz hinauszögern. Bewegung kann Lebenszeit und Lebensqualität gewinnen. Gute Versorgung muss dafür sorgen, dass Menschen mit Demenz diese Jahre möglichst gut leben können.


Zu den Studien: 
https://doi.org/10.1186/s13195-025-01911-7
https://doi.org/10.1186/s12877-026-07357-2
https://doi.org/10.1186/s12877-026-07357-2


Kontakt: 
Prof. Dr. Gabriele Doblhammer
Universität Rostock
Institut für Soziologie und Demographie
Tel.: +49 381 498-4393
gabriele.doblhammeruni-rostockde

 


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