Mecklenburg-Vorpommern drohen deutlich steigende Demenzfälle

Die Prognosen basieren auf einem kleinräumigen Mikrosimulationsmodell, das demografische Entwicklungen sowie regionale Wanderungsbewegungen berücksichtigt. Die Berechnungen wurden in Kooperation des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) mit den Universitäten Trier, Rostock und Köln erstellt. Zusätzlich wurden aktuelle Forschungsergebnisse zu Trends der Neuerkrankungen an Demenz und Lebenserwartung mit Demenz berücksichtigt.

Eine aktuelle Studie zeigt, dass die demografische Alterung in Mecklenburg-Vorpommern deutlich stärkere Auswirkungen haben wird als im Bundesdurchschnitt. Während die bundesweite Demenz-Prävalenz (Anteil der Demenzerkrankten an der Gesamtbevölkerung) im Szenario einer steigenden Lebenserwartung (Szenario S1) und bei gleichbleibendem Erkrankungsrisiko bis 2060 auf rund 2,6 Prozent ansteigt, liegen mehrere Regionen in Mecklenburg‑Vorpommern deutlich darüber, zwischen ca. 4,1 bis 4,6 Prozent. Besonders betroffen sind die Regionen Mecklenburgische Seenplatte (ca. 4,6 Prozent), Vorpommern-Greifswald (ca. 4,3 Prozent), Vorpommern-Rügen (über 4,1 Prozent) und Ludwigslust-Parchim (über 4,2 Prozent). Die Städte Rostock und Schwerin liegen darunter, aber auch hier steigt die Zahl. 

Besonders kritisch entwickelt sich das Zahlenverhältnis zwischen Menschen mit Demenz und Personen im erwerbsfähigen Alter. Der Versorgungsdruck nimmt zu. In vielen Regionen Mecklenburg-Vorpommerns gibt es weniger Erwerbstätige zur Pflege und Versorgung. Bis 2060 könnten je 100 Erwerbspersonen in einigen Regionen Mecklenburg-Vorpommerns mehr als 9 bis 10 Demenzerkrankte kommen: Mecklenburgische Seenplatte (über 10 Fälle), Vorpommern-Greifswald (mehr als 9 Fälle), Ludwigslust-Parchim (über 9 Fälle), Vorpommern-Rügen (rund 9 Fälle). Bundesweit liegt dieser Wert für 2060 bei 4,7.

Damit drohen erhebliche regionale Engpässe bei Pflege, Betreuung und medizinischer Versorgung.

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass Prävention trotz steigender Lebenserwartung, einen wichtigen Beitrag zur Verringerung des Demenzrisikos leisten kann. Eine aktuelle Studie der Universität Rostock mit internationalen Forschungspartnern belegt, dass die altersbereinigte Neuerkrankungsrate an Demenzen in Deutschland in den vergangenen Jahren bereits rückläufig war. Zwischen den Zeiträumen 2006/2008 und 2016/2018 sank diese bei Männern um 7,3 Prozent und bei Frauen um 9,7 Prozent.

Die Forschenden führen diese Entwicklung unter anderem auf bessere Prävention und Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, höhere Bildungsniveaus, weniger Rauchen sowie eine verbesserte Versorgung im Alter zurück. Auch die Behandlung von Hörstörungen und die Vermeidung sozialer Isolation gelten mittlerweile als wichtige Ansatzpunkte zur Demenzprävention.

Gleichzeitig zeigt die Studie jedoch, dass die Zahl der Jahre, die Menschen mit Demenz leben, nicht im gleichen Maße zurückgeht. Durch die steigende Lebenserwartung leben Menschen insgesamt länger – und damit häufig auch länger mit einer Demenzerkrankung. Die sinkende Neuerkrankungsrate allein reicht daher nicht aus, um die gesellschaftliche Belastung deutlich zu reduzieren.

Gerade in Nordostdeutschland bleibt die Herausforderung besonders groß: Selbst in einem optimistischen Präventionsszenario der Modellrechnung (Szenario S2a), das von einem Rückgang der Neuerkrankungsrate von 1 Prozent pro Jahr ausgeht, steigen die regionalen Versorgungsanforderungen weiter an, weil gleichzeitig die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter zurückgeht. Die Kombination aus alternder Bevölkerung und Fachkräftemangel macht langfristige Präventions- und Versorgungsstrategien daher unverzichtbar.

Die Ergebnisse unterstreichen, dass Prävention nicht nur gesundheitspolitisch, sondern auch sozial- und wirtschaftspolitisch von zentraler Bedeutung ist. Je später Demenzerkrankungen auftreten oder je mehr Neuerkrankungen verhindert werden können, desto stärker lassen sich Pflegebedarfe und Versorgungslücken künftig abmildern.


Artikel: 
https://link.springer.com/article/10.1007/s10654-026-01392-4
https://link.springer.com/article/10.1186/s13195-025-01911-7

Kontakt: 
Prof. Dr. Gabriele Doblhammer
Universität Rostock
Institut für Soziologie und Demografie 
Tel.: +49 381 498 4393
E-Mail: gabriele.doblhammeruni-rostockde
https://www.isd.uni-rostock.de/doblhammer/

 


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