Neue Studie von Forschenden der Universitäten Rostock und Lund: Wirtschaftliche Sorgen treiben Migrationseinstellungen mehr als gedacht

In einer Onlinebefragung vor der Bundestagswahl 2025 mit mehr als 2.000 Bundesbürgerinnen und -bürgern wurden zunächst die ökonomischen Sorgen der Teilnehmenden erhoben und anschließend deren Bedrohungsgefühl in Bezug auf Migration gemessen. Die Ergebnisse legen nahe, dass, wenn statt wirtschaftlicher Sorgen eine neutrale Formulierung gewählt wird, die Bereitschaft zu migrationskritischen Einstellungen deutlich sinkt. „Aus der Psychologie ist bekannt, dass unterschwellige Ängste in einem Bereich zu extremeren Haltungen in ganz anderen Bereichen führen. Das scheint sich hier zu bestätigen”, sagt der Leiter der Studie Professor Philipp C. Wichardt vom Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Rostock.

„Ein wichtiger Aspekt dabei ist Kontrolle. Die Krise der Wirtschaft macht Angst, ist aber schwer kontrollierbar. Migration hat auch finanzielle Komponenten, die sich leichter greifen und viel besser kontrollieren lassen“, so Professor Wichardt zu möglichen Mechanismen. „Interessant ist, dass ein zeitlicher Zusammenhang von wirtschaftlichen Schwierigkeiten und größerer Fremdenfeindlichkeit durchaus länger bekannt ist, bislang ein kausaler Zusammenhang, aber nicht klar belegt ist“, fügt Projektmitarbeiterin Lena von Deylen an. „Die Studie geht hier einen Schritt weiter.“ 

Für die gegenwärtige Debatte, in der Migrationsthemen nach wie vor viel Raum einnehmen, sei das ein entscheidender Punkt: „Die Ergebnisse legen die Vermutung nahe, dass die gegenwärtige Art der Migrationsdebatte die Polarisierung in der Gesellschaft zum Thema Migration unnötig verstärkt — und zudem die eigentlichen Sorgen der Menschen übersieht”, so Professor Wichardt. „Zudem ist Zuwanderung an vielen Stellen wichtig für die Wirtschaft. Ein negatives Klima gegenüber Fremden könnte also an entscheidender Stelle eher schaden statt helfen", führt Professor Wichardt weiter aus. „Eine Rücknahme oder Relativierung von Aufnahmezusagen für Menschen aus Afghanistan, zum Beispiel, beschädigt zudem die politische Glaubwürdigkeit und trifft betroffene Menschen ganz erheblich, ohne der Allgemeinheit wirklich zu helfen“. 

Die Forschenden plädieren dafür, die Ursachen hinter der Migrationsthematik stärker zu beleuchten und politische Diskussionen dort anzusetzen, wo sie wirklich wirken: bei den wirtschaftlichen Sorgen und dem Gefühl der Kontrolle der Menschen. „Natürlich bleibt Migration auch mit Herausforderungen verbunden, die konkrete politische Maßnahmen erfordern. Dennoch ist es wichtig, die Mechanismen hinter Meinungen zu verstehen, um belastbare, langfristige Lösungen zu ermöglichen“, führt das Team weiter aus. 

Die Ergebnisse zeigen zudem, dass ost- und westdeutsche Teilnehmende ähnlich auf migrationsrelevante Fragen reagieren, sich aber im Wahlverhalten unterschiedlich ausdrücken. Die Daten unterstützen keine grundsätzliche, negative Grundhaltung gegenüber Migration in Ostdeutschland, sondern spiegeln lediglich andere politische Präferenzen wider. 

Zur Studie

Kontakt: 
Prof. Dr. Philipp C. Wichardt
Universität Rostock
Institut für Volkswirtschaftslehre
Tel.: +49 381 498 4486
philipp.wichardtuni-rostockde


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