Ans Licht! Konzertlesung zum Internationalen Frauentag
Thjorben Reese, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Praktische Theologie, und Tina Willms, evangelische Theologin und Schriftstellerin, gestalteten am 07.03.2026 in der Universitätskirche eine Konzertlesung zum Internationalen Frauentag.
Thjorben Reese spielte verschiedene Orgelwerke von Frauen aus dem 19., 20. und 21. Jahrhundert. Erwähnenswert ist die Uraufführung eines Stückes, welches Julia Deppert-Lang, Dozentin an der Hochschule für Musik und Theater Rostock, für diesen Anlass komponierte. Tina Willms gestaltete die Lesung mit eigenen Texten und Gedichten.
Das vollständige Programm finden Sie hier: Flyer zur Veranstaltung
Mit Erlaubnis von Frau Willms dürfen wir die Texte hier abbilden.
Foto: v.l.n.r. Julia Deppert-Lang, Thjorben Reese, Tina Willms
Die Texte sind ausschließlich für den persönlichen Gebrauch. Es gilt das gesprochene Wort.
© Alle Textrechte liegen bei der Autorin Tina Willms, Weitergabe oder Vervielfältigung nur mit Erlaubnis der Autorin.
Ans Licht!
„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ So sagt es die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948. Gleichberechtigung. Teilhabe. Miteinander. Als Selbstverständlichkeit. Eine Vision ist das, ein Traum.
Die Wirklichkeit sieht anders aus. Immer noch werden Menschen unterdrückt und an den Rand gedrängt, im schlimmsten Fall auch verfolgt und getötet. Wegen ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Überzeugungen, ihres Geschlechts. An vielen Stellen und Orten gibt es noch unendlich viel zu tun. Heute, am Vorabend des Weltfrauentags richten wir unser Augenmerk auf die Frauen.
Seit Jahrtausenden beanspruchen in patriarchalen Systemen Männer die Macht und setzen sie durch. In ihren Gesetzen beschränken sie die Rechte und den Einfluss von Frauen. Das zeigt sich zum Beispiel an der Frage, wer Geschichte schreiben darf, und zwar im doppelten Sinne.
Wer darf bedeutend sein und in die Annalen eingehen? Und wer darf Geschichte aufschreiben, tradieren und deuten?
Wenn wir in die Vergangenheit schauen, dann sind das Männer. Sie prägten den Lauf der Welt. Ihre Namen werden bis heute überliefert, was sie getan und geleistet haben, wird erzählt und aufgeschrieben. Von Männern. Mit der Macht lag also auch die Deutungshoheit im Laufe der Jahrtausende des Patriarchats bei Männern. Sie schrieben Frauen ihre Hintergrundrollen zu. Sie verschwiegen ihre Namen und ihre Leistungen und ließen sie im Dunkel der Geschichte verschwinden.
Es ist somit ein Akt der Gleichberechtigung, Frauen ins Rampenlicht zu holen und sie zu befreien aus dem Vergessen, in dem sie begraben sind. Es ist Zeit, ihre Geschichten zu erzählen, ihre Werke erklingen zu lassen und sie zu Gehör zu bringen.
Und so lautet die Überschrift für heute Abend: „Ans Licht!“
Thjorben Reese lässt heute Abend an der Orgel Musik von Komponistinnen erklingen. Viele ihrer Namen habe ich zum ersten Mal gelesen, als er mir das Programm vorschlug. Heute leuchtet ihre Musik.
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Totgeschwiegen und ausgesperrt
Ich selbst bin Theologin. Auch in der Geschichte des Christ:innentums wurden Frauen von Protagonistinnen sie zu Statist:innen. Und das begann früh, ja, schon in den Anfängen, in der Überlieferung vom leeren Grab, die so zentral ist für den christlichen Glauben.
In der Bibel sind die Frauen die ersten, die es sehen: Das Grab ist leer. Und sie erschrecken: Was ist nur passiert? Noch können sie nicht deuten, was sie erleben. Der Sprung aus der Trauer, er gelingt nicht sofort. Vielmehr fürchten sie sich. Dann kehren sie um, schnell weg von hier.
Erst beim Laufen formt sich nach und nach der Gedanke: Jesus könnte auferstanden sein. Wenn sie daran denken, wie eng er mit dem Himmel verbunden war, wie er eintrat für das Leben, dann erscheint ihnen das immer wahrscheinlicher. Und nach und nach bahnt sich die Freude ihren Weg durch die Furcht. Er ist auferstanden! Er lebt!
Das können sie nicht für sich behalten. Sie gehen, ja, sie laufen zu den Jüngern: Ihr werdet es nicht glauben, was wir entdeckt haben: Das Grab ist leer! Jesus, er lebt! Er ist auferstanden!
Die Männer glauben ihnen zunächst nicht, so erzählt das Lukasevangelium, Geschwätz sei das. Erst, als sie selbst Jesus begegnet sind, ändern sie ihre Meinung. Und dann beginnt es, das Lauffeuer, die Botschaft breitet sich aus. Und Männer nehmen das Heft in die Hand, übernehmen die Leitungsrollen und das Deuten. Die Frauen geraten in den Hintergrund und werden oft genug ganz vergessen.
Es beginnt schon in der Bibel selbst: „Das Weib schweige in der Gemeinde“, schreibt Paulus. Auch die Evangelien erzählen vorwiegend von Männern. Das setzt sich fort, ja, verstärkt sich im Lauf der Kirchengeschichte. Bis heute.
Erst fast 2000 Jahre nach dem Geschehen öffnen manche evangelische Kirchen die Wege, damit Frauen Pastorinnen sein können, zuerst allerdings bitte unverheiratet! In der katholischen Kirche gilt nach wie vor: Frauen dürfen nicht Priesterin werden. Und erst recht nicht Bischöfin, Kardinälin oder gar Päpstin.
Frauen, am Grab die ersten. Und dann? Beiseite gedrängt, herausgehalten, ausgesperrt, unterdrückt. Totgeschwiegen.
Wann endlich werden Frauen auferstehen aus dem Schweigen, in dem sie begraben und vergessen werden? Wenn sie die ersten am Grab waren, die ersten überhaupt, die das Evangelium verkündeten: Wie könnte G:tt etwas dagegen haben, dass sie auferstehen, dass sie endlich gleichberechtigt leben dürfen in Kirchen, die von sich behaupten, in ihnen wehe die Geistkraft und sie hüteten Jesu Vermächtnis und G:ttes Wort.
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Trotz aller Hindernisse
Adolpha Le Beau, Melanie Bonis, Lili Boulanger, Nadia Boulanger, Emilie Mayer, Ethel Smyth, Florence Price, Cécile Chaminade.
Komponistinnen, die im 19. Jahrhundert geboren wurden. Sie gehören zu denen, deren Werke mittlerweile aufgeführt werden und im Radio zu hören sind.
Lange aber waren auch sie – wie viele andere immer noch - im Schweigen begraben. Wieviele Musikerinnen, Malerinnen oder Schriftstellerinnen aus dem 19. Jahrhundert oder gar vorher kennen Sie? Und seit wann?
In patriarchalen Strukturen waren, ja, sind Karrieren für Frauen ersteinmal nicht vorgesehen. Sie sollen ihren Männern den Rücken freihalten und sie stärken. In der Öffentlichkeit haben sie nichts zu suchen. Diese Bilder prägen auch das Bewusstsein und Selbstbewusstsein der Frauen, sie sind so selbstverständlich, dass viele Frauen sich hineinfügen und sie nicht hinterfragen. Oder sie sogar verteidigen und glorifizieren, wenn ich etwa an die TradWifes von heute denke.
Frauen, die trotzdem malten, schrieben, komponierten mussten sich Nischen suchen und Hindernisse überwinden, sie mussten phantasievoll und beharrlich sein und oft auch streitbar und mutig.
Natürlich gab es Frauen, die von ihren Männern unterstützt wurden, Fanny Hensel etwa. Manche ihrer Werke wurden trotzdem unter dem Namen ihres Bruders Felix Mendelssohn-Bartholdy veröffentlicht. Melanie Bonis ging subversiver vor, sie publizierte, um überhaupt eine Chance zu haben, unter dem Namen Mel Bonis, damit man sie für einen Mann hielt. Emilie Mayer blieb lieber unverheiratet, um sich ganz der Musik widmen zu können. Ethel Smyth war eine Kämpferin, nicht nur für ihre eigene Karriere, sondern auch für das Frauenwahlrecht und Gleichberechtigung.
Doch selbst, wenn sie zu Lebzeiten bekannt waren, versanken viele dieser Komponistinnen samt ihrer Werke nach ihrem Tod wieder im Dunkel der Geschichte. Nicht, weil sie weniger geleistet hatten oder die Qualität nicht stimmte, nein: Weil sie Frauen waren. Heute werden sie wieder entdeckt, zum Glück.
Eine dieser Frauen ist Clara Schumann. Heute immer noch für viele „Die Frau von….“ Zu Lebzeiten war sie ein –wie man heute sagen würde – Megastar, weitaus bekannter als ihr Mann.
Clara Schumann, geborene Wieck
Clara Wieck wird 1819 geboren. Nach der Trennung der Eltern lebt sie bei ihrem Vater Friedrich, der sie unterrichtet und den Ehrgeiz hat, sie als Wunderkind bekannt zu machen.
Das gelingt. Mit neun Jahren debütiert Clara als Pianistin im Gewandhaus Leipzig und entwickelt sich in den folgenden Jahren zur gefeierten Konzertpianistin über Deutschland hinaus. Auch zu komponieren beginnt sie bereits mit neun Jahren.
Als sie 11 Jahre alt ist, zieht ein junger Mann ins Haus, der Unterricht beim Vater nehmen will. Robert Schumann. Gerne spielt er mit der kleinen Clara, liest ihr vor, sie freunden sich an. Und dann entwickelt sich daraus eine Liebesgeschichte.
Aber soll ich das wirklich so nennen, eine Liebesgeschichte? Es ist ein Hin und Her, von Anfang an. Robert hat Affären mit Frauen und Männern, einmal verlobt er sich sogar. Lange Phasen des Schweigens gibt es, oft sehen sie einander monatelang nicht. Dennoch, die romantische Idee einer Künstlerehe, sie bleibt. Gegen den Willen von Claras Vater setzen die beiden gerichtlich durch, dass sie heiraten dürfen.
Die Ehe bedeutete für Clara einen Karrriereknick. Robert hätte sie gerne als Muse, Hausfrau und Mutter. Gegenseitige Inspiration, okay. Komponieren auch. Aber Konzertreisen, nein, das sieht er nicht gern. Clara, die berühmtere, wünscht er sich im Hintergrund, manchmal im wörtlichen Sinne.
Als der angesehene Bildhauer Ernst Friedrich August Reitschel ein öffentlichkeitswirksames Relief der beiden herstellen soll, auf dem sie im Doppelportrait zu sehen sind, legt er einen Entwurf vor, der die beiden im Seitenprofil zeigt: Clara vorn, Robert im Hintergrund. Robert setzt nach einem Disput durch, dass er die Reihenfolge umdreht. Als schaffender Künstler sei er der ausübenden Künstlerin weit überlegen. Robert also nach vorn, Clara in den Hintergrund. Clara und Robert bekommen acht Kinder. Clara ist keineswegs begeistert, wenn sie feststellt, erneut schwanger zu sein. Trotzdem ist sie im Laufe der Ehejahre ambivalent, was ihre Rolle betrifft. Zum einen ist da immer wieder der Wunsch, zu komponieren und auch zu konzertieren. Zum anderen gibt sie ihn zeitweise fast auf. Sie unterstützt Robert und bleibt im Hintergrund. Manchmal wertet sie ihr eigenes Schaffen sogar selber ab. „Ich habe gar kein Talent zur Komposition“, schreibt sie im gemeinsamen Ehetagebuch. Oder: „Mit dem Komponieren will´s nun gar nicht gehen – ich möchte mich manchmal an meinen dummen Kopf schlagen!“ (S.140) Diese berühmte Konzertpianistin. Sie macht sich selber klein, traut sich wenig zu, wertet ab, was sie kann. Ein Verhalten, mit dem viele Frauen innerhalb patriarchaler Strukturen reagieren. Roberts Karriere als Komponist kommt nur schleppend voran. Er, der „Hauptverdiener“ bringt zu wenig Geld nach Hause. Das ermöglicht Clara, auf Konzertreisen zu gehen, wo sie auch Werke ihres Mannes aufführt und so seine Bekanntheit vorantreibt. 1844 nimmt Clara auf einer einzigen Konzertreise nach Russland durch diesen „Nebenverdienst“ etwa das Vierfache von dem ein, was Robert im selben Jahr durch seine Kompositionen verdient.Manchmal begleitet Robert sie auf solchen Reisen. Auf einer dieser Reisen wird er vom niederländischen Prinzgemahl Friedrich gefragt, ob er denn auch musikalisch sei.
1850 Robert bekommt eine Stelle als Städtischer Musikdirektor in Düsseldorf. Doch er, der introvertierte Mensch, ist kein guter Dirigent. Clara vertritt ihn, wenn er krank ist. Robert leidet er unter Wahnvorstellungen und Depressionen, sein Zustand verschlechtert sich stetig, so dass er 1854 in eine Heilanstalt gebracht wird, wo er zwei Jahre später stirbt.
Clara hat nach dem Tod ihres Mannes nicht mehr komponiert. Sie hat ihre Karriere als Konzertpianistin wieder aufgenommen und vorangetrieben. Die Kinder wurden anderswo untergebracht, wenn sie auf Reisen war, bei Verwandten, in Pensionaten, ihren labilen Sohn Ludwig gab sie sogar auf Lebenszeit in eine Einrichtung. Und sie, sie konzertierte. Wo immer sie auftrat, wurde sie gefeiert, sie war, wie man heute sagen würde, ein Megastar.
Kluge Öffentlichkeitsarbeit hat sie gemacht, hat genau geplant, wie das Bild von Robert und ihr in der Nachwelt erzählt werden sollte. Sie hat seinen Ruhm weiter ausgebaut, indem sie seine Werke aufführte. Heute ist er tatsächlich bekannter als sie, sie oft genug die Frau von…
Höchste Zeit also, sie aus dem Schatten zu holen. Ans Licht!
Quelle: Christine Eichel, Clara. Künstlerin, Karrierefrau, Working Mom. Clara Schumanns kämpferisches Leben, 2. Auflage, Siedler Verlag München 2024
In patriarchalen „Systemen“ ist die Unterdrückung von Frauen und Mädchen von oben legitimiert. Sie werden immer noch in den Hintergrund gedrängt, klein gehalten, verschwiegen. Bildung wird ihnen verwehrt, ihr Platz begrenzt. Wo Männer ihre Stärke nicht aushalten oder sich in ihrer Machtposition gekränkt fühlen, werden sie bekämpft, gedemütigt, ja getötet. Auch da, wo sie sich sicher fühlen sollten, in ihren Familien, ihrem Zuhause.
Vor dem Gesetz herrscht in unserem Land Gleichberechtigung, dennoch werfen patriarchale Herrschaftsstrukturen noch ihre langen Schatten. Ich glaube, so gut wie jede Frau, jeder queere Mensch kann davon erzählen.
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Schaut hin!
Umrisse, aufgezeichnet auf den Steinen, rote Spuren wie von Blut, ein Polizeiauto, ein Infostand. Frauen in weißen Gazeanzügen verteilen Flyer. Es ist der 25. November, der Tag gegen Gewalt an Frauen.
Jede dritte Frau ist betroffen von Gewalt, lese ich auf einem Plakat. Ich schaue mich um, hier stehen vielleicht dreißig Frauen, ich zähle durch, die Zahl bekommt Gesichter. Über sechshundert Frauen waren es im vergangenen Jahr in unserem Landkreis, und das waren ja nur die, die gemeldet wurden.
Gewalt gegen Frauen – dazu zählt all das, was sie nicht möchten, erklärt eine der Frauen im Gazeanzug. Es beginnt mit den vermeintlich „kleinen“ Übergriffen. Pfiffe vom Baugerüst, Hupen im Vorbeifahren. Anzügliche Bemerkungen, sexistische Witze, der Klaps auf den Hintern. Männliche Weisen, um Dominanz zu zeigen. In alten Filmen kann man sehen, wie gang und gäbe das war. Sie spiegeln eine patriarchale Gesellschaft, in der es Frauen zum Beispiel verboten war, ohne Erlaubnis des Ehemannes arbeiten zu gehen. Sex galt als eine der „ehelichen Pflichten“, die sogar im Gesetz genannt wurde. Heute abgeschafft, diese Gesetze, aber darum ist die Unterdrückung noch lange nicht vorbei.
Ich gehe zum Infostand, dort liegen Flyer von der Opferschutzorganisation „Weißer Ring“, vom Frauenhaus, von der Polizei: Die meisten und brutalsten Taten geschehen zuhause, erfahre ich, hinter verschlossenen Türen. Da tyrannisieren patriarchal geprägte, gewaltbereite Männer ihre Frauen, werten sie ab, schüchtern sie ein, schlagen, treten, vergewaltigen sie. Oft erleiden die Frauen ein jahrelanges Martyrium, viele schaffen es erst nach Jahren, sich zu trennen. Viel zu viele schaffen es gar nicht. Jene, die den Mut dazu endlich aufbringen, sind besonders gefährdet. An jedem dritten Tag geschieht in Deutschland ein Femizid, eine Frau wird ermordet, oft von dem Mann, den sie verlassen hat.
Ich bin erschüttert, als ich mich auf den Weg nach Hause mache.
„Schaut hin!“ Ich möchte es am liebsten laut herausschreien.
Jede dritte Frau! Mit ziemlicher Sicherheit kenne ich, kennt jede und jeder von uns eine von ihnen.
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Für die Mädchen und Frauen
Für die Mädchen und Frauen
Für die Mädchen und Frauen
bitte ich dich,
die Männer sich nahmen,
ohne zu fragen.
Mit Gewalt.
Für sie bitte ich dich,
denen nicht geglaubt wird,
denen unterstellt wird,
der Rock sei zu kurz
und sie doch allzu bereit gewesen.
Für sie bitte ich dich,
die sich verkriechen
in einem Leben,
das nie mehr wird,
wie es war.
Für sie bitte ich dich,
die, was geschah,
noch einmal erzählen müssen
vor dunklen Roben
und Publikum.
Lehr uns, zu prüfen,
ob, was wir legal nennen,
auch den Namen
„Recht“ verdient.
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Yva oder: Fotografien unterschiedlicher Art
Patriarchale Systeme bauen auf Macht, Herrschaft, Unterordnung. Sie sind destruktiv. Menschen, die in ihnen agieren, scheuen sich nicht, Gewalt anzuwenden, zu zerstören, zu töten. Im Kleinen und im Großen.
Im Großen gehören Kriege zum Arsenal solch patriarchaler Macht.
Schauen wir auf die Welt, so scheint mir, dass das Patriarchat wieder auf dem Vormarsch ist. Manchmal religiös verbrämt, als statte ein Gott höchstpersönlich es aus mit Macht. Das ist Gotteslästerung, so sehe ich es.
Ich habe einen Text mitgebracht, der mir am Herzen liegt. Er setzt eine Frau ins Licht, die ihren Weg machte, bis ein patriarchales, durchorganisiertes Machtsystem sie zum Schweigen brachte und sie im Todesdunkel verschwinden ließ. Und es handelt von einem Mann, der eine Hauptrolle in diesem System spielte, seine Tötungsmaschinerie an einer Stelle organisierte und auch noch stolz darauf war. Beide fotografierten sie. Auf sehr unterschiedliche Weise.
Yva oder: Fotografien unterschiedlicher Art
Berlin in den 20er Jahren, Schöneberg ist ein beliebtes und belebtes Stadtviertel, in dem Künstler:innen sich sammeln. Auch viele jüdische Menschen leben dort, unter ihnen die Fotografin Else Ernestine Neuländer-Simon, die sich als Künstlerin Yva nennt. Durch Mehrfachbelichtungen erhalten ihre Bilder eine ungewöhnliche Tiefe und manchmal eine geradezu surrealistische Konnotation. Mit ihren Fotos gehört sie zur Avantgarde.
Schnell wird Yva bekannt und erfolgreich. Der Ullstein-Verlag stellt sie ein, um für das Magazin UHU zu fotografieren. Mit ihrem besonderen Blick portraitiert sie Prominente. Und auch als Modefotografin ist sie gefragt. Vor allem Frauen setzt sie mit außergewöhnlichen Ideen in Szene. Sie entwickelt einen ganz eigenen Stil und gehört bald zu den gefragtesten Modefotografinnen der Weimarer Zeit.
Yva. Eine Pionierin. Als sie mehr als zehn Menschen beschäftigt, wird ihr Atelier zu klein, sie zieht um und beginnt auch auszubilden. Ihr Schüler Helmut Newton wird einmal weltbekannt sein.
1933 erhält Yva aufgrund ihrer jüdischen Herkunft Berufsverbot. Damit das Atelier weiter bestehen kann, übernimmt eine Freundin es pro Forma. 1938 muss Yva das Atelier und auch ihre Wohnung aufgeben; sie muss als Röntgenassistentin im Jüdischen Krankenhaus arbeiten.
Yva und ihr Ehemann fühlen sich aufgrund ihrer Bekanntheit einigermaßen sicher. Doch als die Lage für jüdische Menschen immer gefährlicher wird, beschließen die beiden, auszureisen. Dazu kommt es jedoch nicht mehr. Stattdessen werden sie verhaftet und am 2. Juni 1942 abtransportiert nach Sobibór. Vermutlich am 13. Juni 1942 wird Yva im dortigen Vernichtungslager ermordet.
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Johann Niemann stammt aus einem Dorf in Ostfriesland. Schnell steigt er, der der SS angehört, auf und wird zum Unterscharführer der Leibstandarte Hitler. Er wird in den KZ Esterwegen und Sachsenhausen „eingesetzt“. Nachdem Niemann sich in verschiedenen Lagern und „Aktionen“ „empfohlen“ hat, wird ihm der Aufbau des Vernichtungslagers Sobibór “anvertraut“, wo er später auch stellvertretender Lagerkommandant ist.
Niemann hat seine „Karriere“ mit einer Fotosammlung „dokumentiert“. Auf diese Weise hat er das Leben derer in Sobibór festgehalten, die für die Durchführung des Grauens dort verantwortlich waren. Auf seinen Fotos sehen wir: Das Lager, Johann Niemann hoch zu Ross, Reden, Trinken und Lachen auf der Terrasse, Musik und Schachspiel, Geselligkeit am Abend.
Ein recht gewöhnliches Leben scheint es zu sein, dort in Sobibór, jedenfalls für die, die die industrielle Tötungsmaschinerie am Laufen halten. Als sei es für sie geradezu alltäglich geworden: Juden und Jüdinnen ihre Menschlichkeit absprechen und sie zu Nummern machen, sie berauben, die Frauen vergewaltigen. Ihnen die Haare scheren, sie nackt in die Gaskammern treiben.
Auch Niemann selbst wird in Sobibór getötet. Am 14. Oktober 1943 locken Häftlinge ihn mit der Aussicht auf eine besonders schöne Lederjacke in die Nähstube des Lagers. Dort erschlägt ihn einer der Männer mit einer Axt.
Lange nach seinem Tod gelangt seine Fotosammlung in die Öffentlichkeit. „Fotos aus Sobibór“ heißt ein Band, in dem sie wissenschaftlich aufbereitet und 2020 veröffentlicht wurden.
In seinem Heimatort Völlen war Niemanns Name jahrzehntelang auf einem Denkmal zu finden, das die Überschrift trug: „Unseren gefallenen Helden“. Nach der Veröffentlichung von „Fotos aus Sobibór ist 2022 sein Name dort abgedeckt worden, 80 Jahre nach der Ermordung Yvas. Eine Infotafel neben dem Denkmal erinnert an seine Gräueltaten: 250 000 Menschen wurden in dem Vernichtungslager Sobibór ermordet, das er aufgebaut hat. Unter ihnen Yva, diese Fotografin, von der noch viel zu erwarten gewesen wäre. Wer weiß, vielleicht wäre sie ebenso weltbekannt geworden wie ihr Schüler Helmut Newton, der 1938 vor den Nazis nach Singapur floh. Ihre Zukunftspläne, ihr Talent, ihre Existenz: All das wurde ausgelöscht.
Ein Album in der Dauerausstellung des Schöneberger Rathauses erinnert an Yva. Gelegentlich werden ihre Fotografien ausgestellt. In der Schlüterstraße 45 (Berlin) wurden für sie und ihren Ehemann Stolpersteine gelegt. Und in der Nähe des Zoos gibt ein den „Yva-Bogen“, eine kleine Straße, die nach ihr benannt ist.
Quelle: Fotos aus Sobibór. Die Niemann-Sammlung zu Holocaust und Nationalsozialismus, herausgegeben vom Bildungswerk Stanislaw Hantz e.V. und der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart, Berlin 2020
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Wunsch
Wunsch
Dass eine mich findet,
wenn ich mich selbst verliere,
dass eine meinen Namen
bei sich bewahrt.
Dass eine noch weiß,
wer ich bin,
und neu erzählt,
was andere vergaßen.
Dass eine mich birgt
im Haus einer Liebe,
die weiter reicht als das,
was ich ahne von mir.
Ja, das Einfordern, ja Kämpfen für Gleichberechtigung, und ich möchte hier ausdrücklich queere Menschen einbeziehen, bleibt aktuell, notwendig, überfällig.
Und die gute Nachricht ist: Es tut sich was. Frauen werden wiederentdeckt. Sie werden aus dem Dunkel befreit, stehen auf, auferstehen aus dem Vergessen. Die in der Bibel. Die in der Musik. Aber es bleibt noch sehr, sehr viel zu tun.
Im öffentlichen Raum etwa. Da tragen Gebäude, vor allem altehrwürdige, fast immer die Namen von Männern. Universitäten, Musikhochschulen, Institute…
Bei Kirchen – vor allem katholischen - gibt es immerhin vor allem zwei Frauen, nach denen welche benannt wurden. Maria. Und Elisabeth. Evangelische Kirchen sind benannt nach Martin Luther, Philipp Melanchthon Paul Gerhardt, Dietrich Bonhoeffer.
Neugebaut werden solche Gebäude eher selten. Umbenennen wird Energie, Kampf und Zeit in Anspruch nehmen. Es braucht Phantasie und manchmal vielleicht auch etwas Frechheit, um Frauen trotzdem vorkommen zu lassen. Eine, wie ich finde, charmante Idee fand ich in Helmstedt:
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Vision: Wie Frauen vorkommen könnten
Thomas, Stephanus, Christophorus. Luther, Melanchthon, Bonhoeffer. Die meisten Kirchen sind nach Männern benannt.
In den Räumlichkeiten von Kirchengemeinden aber leisten Frauen viel. Immer noch oft genug –wie traditionelle Bilder es wollten – unbezahlt und im Hintergrund. Da backen, schmücken, basteln, reinigen sie und machen es andren schön.
Wie könnten Frauen und queere Menschen in diesen Kirchen vorkommen?
Ein Beispiel entdecke ich in der Christophoruskirche in Helmstedt. Zum einen werden dort auf großen Reliefs an der Wand hinter dem Altar neben einer Christusfigur auch zwei biblische Geschichten dargestellt, in denen Frauen vorkommen. Die Auferweckung der Tochter des Jairus (Mk 5, 21-43) und die Salbung in Bethanien (Mk 14, 3-9). In beiden dieser Geschichten werden in der Bibel aber nur die Namen von Männern genannt. Die Frauen selbst bleiben namenlos.
Nun lassen sich in der Christophoruskirche jedoch zwei weitere Kunstwerke zu entdecken. Und die sind nicht nur von Frauen gemacht, sondern enthalten auf eine fast subversive Weise auch die Namen der Frauen, die sie erschaffen haben.
Es sind die Paramente, Textilien, die den Altar und die Kanzel. Farbenfroh und nicht figürlich sind sie aus Vierecken zusammengesetzt, die von schwarzen Linien durchzogen sind. Von weitem betrachtet erinnern sie so an Kirchenfenster. Wer näher herangeht und genau hinschaut, der entdeckt, dass die schwarzen Linien zugleich Buchstaben sind, auf eine verschlungene Weise zeigen sie in jedem der Vierecke einen Namen: Den Namen der Frau, die das jeweilige Teilstück gemacht hat.
Nora und Dorothea, Renate und Christa. Für jede und jeden sichtbar. Sie kommen nun in dieser Kirche vor. Nicht nur im Hintergrund, sondern an zentralen Stellen. Am Altar, wo gebetet und das Abendmahl gefeiert wird. An der Kanzel, von wo aus die Bibel ausgelegt wird. Nicht nur namenlos, sondern beim Namen genannt. Es wird wohl noch Jahrzehnte oder auch Jahrhunderte dauern, bis ebensoviele Kirchen und auch andere öffentliche Gebäude, Hochschulen, Konzertsäle, Universitäten, und, und und nach Frauen benannt sind wie nach Männern. Warum also nicht viel öfter Frauen (und Menschen, die nicht männlich gelesen werden) auf so eine Weise einen Platz einräumen. Nicht nur in Kirchen. Überall. Subversiv, ja. Aber nicht nur. Auch laut, öffentlich, fordernd. Ihre Namen zeigen, sie würdigen und wertschätzen, ihre (Lebens)werke anerkennen. Sie herausholen aus dem Schweigen, aus dem Nischendasein, aus dem Dunkel. Ans Licht!
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Ohne die Träume
Wir wissen nicht, wie die Welt aussähe, in der es das Patriarchat nicht gäbe, in der gar alle Menschen gleichberechtigt wären, so, wie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte es sagt: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ Für mich ist das eine säkulare Übersetzung meines Glaubens. Vor G:tt sind wir gleichberechtigt sind, jede und jeder geliebt. G:tt selber ist parteiisch ist und steht ein für die Auferstehung, von der zuerst die Frauen erzählt haben und die schon hier auf der Erde beginnt. Wir selber wirken daran mit: Wenn wir Menschen aus dem Schweigen holen, ihre Geschichten erzählen, ihre Bilder zeigen, ihre Musik zum Klingen bringen, wenn wir Frauen und queere Menschen empowern, wo sie eingeschüchtert werden oder sich wenig zutrauen, wenn wir achtsam und aufmerksam sind und uns gegen Unterdrückung und Gewalt einsetzen, wenn wir uns an unserem Ort, in unserer Stadt, für Gleichberechtigung und ein gutes Miteinander einsetzen. Ich will den Traum nicht aufgeben, dass es möglich ist, anders miteinander zu leben, gleichberechtigt, und menschenfreundlich, umweltfreundlich, friedlich und liebevoll.
Warum …
Weil ich nicht leben will
ohne die Träume,
die G:tt geträumt hat
von einer Welt,
in der Kinder den Frieden lernen
und nicht den Krieg,
und Löwe und Lamm
beieinander liegen.
Weil ich nicht sein kann
ohne die Bilder,
die G:tt gesehen hat
von uns Menschen:
mehr als gesund, nämlich: heil
und mit lebendigen statt
steinernen Herzen.
Weil ich nicht gehen mag
ohne die Sehnsucht,
die G:tt gespürt hat
nach Gegenüber und Ebenbild,
um das himmlisches Leben
zu teilen.
Weil G:ttes Träume
wie silberne Fäden
die Tage durchwirken
und G:ttes Bilder
die dunklen Herzen
wenden ins Licht.
Weil G:ttes Sehnsucht
in tote Winkel dringt
und sie belebt.
Weil Träume, Bilder
und Sehnsucht endlich
zu unseren werden
und G:tt durch uns
die Erde verwandelt.
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Kontakt:
Dr. Heidrun Jander
Gleichstellungsbeauftragte der Universität Rostock
Tel.: +49 381 498-5743
gleichstellungsbeauftragte(at)uni-rostock.de

